„UND TROTZDEM BAUE ICH MIR MEINE ZUKUNFT.“

MIKE, 48  ·  MULTIPLE SKLEROSE

Für Mike, 48, gab es Zeiten, da traf er oft ins Schwarze. Als Bogenschütze konnte er sich bei Turnieren auf seine ruhige Hand und die gute Konzentrationsfähigkeit verlassen. Gezielt – so ging er es auch an, seine Lebensträume zu erfüllen. Einen Volltreffer nach dem anderen wollte er landen. Dann erfährt er vor 18 Jahren, dass er an Multiple Sklerose erkrankt ist.

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SEIN TRAUM: AUF WANDERSCHAFT GEHEN

Ein Wendepunkt im Leben des Handwerksgesellen. Denn eigentlich will Mike als junger Bursche doch einer alten Tradition seines Handwerks folgen und auf Wanderschaft gehen. Seine sächsische Herkunft ist unüberhörbar, wenn er zu erzählen beginnt: Von seinem großen Wunsch, über die Arbeit in seinem Beruf „die große weite Welt“ kennenzulernen. Mike fühlt sich als damals Endzwanziger so, als könne er Bäume ausreißen Als Zimmerer will er am liebsten überall auf der ganzen Welt Erfahrung sammeln. Sein eigenes Haus in einem kleinen Ort am Rand vom Harz soll dabei nur ein Projekt von vielen sein, denen Mike sich handwerklich widmen will.

Dann allerdings sieht er von jetzt auf gleich Doppelbilder, hat Taubheitsgefühle in Händen und Füßen. Unkonzentriertheit quält ihn. Und eine hartnäckige Müdigkeit taucht auf. So plötzlich ihn dieser besorgniserregende Zustand einholt, ist er auch wieder vorbei – um dann, ganz ohne Vorwarnung, wieder von Neuem einzusetzen. Es kommt ihm so vor, als ob Körper und Geist ihm nicht mehr gehorchen. Multiple Sklerose ist eine Erkrankung des Nervensystems – sie greift aber auf den ganzen Körper über.

DAS LEBEN NEU GESTALTEN

Die ersten Tage mit der Diagnose waren wie ein schlechter Traum für Mike. Noch heute liegt ein Schleier über seinen Erinnerungen. „Ich wusste überhaupt nichts über MS“, berichtet Mike vom ersten Gespräch mit dem Facharzt für Neurologie. Seine Unkenntnis macht ihm Angst. „Ich hatte ja keine Ahnung, was wird – ob überhaupt was wird.“ Mike macht sich aber schnell schlau, liest viel, sucht zwischen negativen Prognosen betont nach Hoffnung – und gestaltet sich seinen neuen Lebensweg: Leben mit Multiple Sklerose, statt ein Leben trotz der Krankheit.

Teil von Mikes Weg mit MS sollte es fortan sein, auf keinen Fall zum „Stubenhocker“ zu werden. Anstelle der einst geliebten ausgedehnten Fahrradtouren, geht es heute im Rollstuhlfahrrad mit seinem quirligen Mischlingshund Chilly raus ins Grüne: Für Mike ist es jetzt eine Ausfahrt auf drei statt zwei Rädern und mit Elektroantrieb statt Muskelkraft – aber weiterhin mit Schwung.

„ZEIGEN, WAS LOS IST.“

Zu seinem Weg gehört für ihn ebenso, offen mit seiner schweren Erkrankung umzugehen. Er erzählt frei heraus, dass er MS-Patient ist, meist bevor andere es vermuten oder ihn fragen. „Zeigen, was los ist – sagen, was los ist“: Das ist seine Lebensmaxime geworden, wie er erklärt. „Wenn mein Gegenüber weiß, wie er auf mich reagieren soll, ist es für alle einfacher“, berichtet Mike. „Ich will mich nicht verstecken“, sagt er fast schon trotzig und fügt mit einem breiten Lächeln hinzu: „Und meine große Klappe hab‘ ich schon gar nicht verloren.“

„ECHTE FREUNDE ZÄHLEN“

Dennoch: Ohne Wesensveränderung sei auch er nicht davongekommen, verrät Mike. Früher sei er ein „Hans Dampf“ gewesen – habe sich keiner Freizeitaktivität verschlossen, wenn seine Freunde riefen. Meist war es Mike, der für andere etwas initiierte, etwas „los machte“. Heute hingegen hält er sich zurück. „Weil es nun mal nicht anders geht“, erklärt er. MS hat viele Ausprägungen. Nicht immer möchte Mike sich rechtfertigen, warum die Krankheit eine eigentlich fest vereinbarte Verabredung verhindert. Zugleich aber ist er auch sichtlich stolz, dass die richtig guten seiner Freundschaften die krankheitsbedingten Einschränkungen überdauert haben.
„Freunde so zu nehmen, wie sie sind“, stelle für ihn, wie er betont, einen sehr wichtigen Wert im Leben dar. Wenn seine Krankheit „Kapriolen“ schlägt, benötigt er viel Verständnis. „Echte Freunde sind die, gegenüber denen man sich nicht ständig neu erklären muss.“ Auf die kann Mike heute mehr denn je zählen.

WICHTIGER ANSPRECHPARTNER: DIE APOTHEKE VOR ORT

Wichtig für ihn ist es auch, auf seine Apotheke zählen zu können. Seit über zehn Jahren kennen sich Mike und sein Apotheker. „Mike ist sehr offen, auch für Ratschläge“, lobt Ulrich Grosch. Er und das Apothekenteam sind wichtige Ansprechpartner für den MS-Patienten. Unter anderem wenn es um Neben- und Wechselwirkungen geht. Der Informationsbedarf von Mike ist groß. Dass er Antworten bekommt, jederzeit von Angesicht zu Angesicht, erleichtert ihm den Umgang mit der Krankheit.

Für die Apotheke ist Mike kein Einzelfall. Sie vermittelt vielen weiteren MS-Patienten wichtiges Wissen zu ihrer Erkrankung. Zweimal im Jahr bietet sie zum Beispiel Fortbildungsveranstaltungen zu Multiple Sklerose an. Es geht dann um gesundheitliche, aber auch ganz lebenspraktische Tipps, wie das Reisen mit MS. Außerdem unterstützt die Apotheke eine Selbsthilfegruppe, die es seit fünf Jahren gibt. Unter anderem stellt die Apotheke für die monatlichen Treffen ihren Seminarraum zur Verfügung.

NEUE FREUNDE

Die Selbsthilfegruppe ist für Mike ein wichtiger Anlaufpunkt. Er hatte in der Zeitung über sie gelesen und fühlte sich gleich angesprochen. Beim ersten Zusammentreffen überraschte es ihn vor allem, zu sehen, „dass es auch viele junge Menschen gibt, die an MS erkranken“ – solche wie ihn. Insbesondere schätzt er an „seiner“ Gruppe, dass sich kaum über die Krankheit unterhalten wird. Vielmehr stehen die schönen Dinge im Vordergrund: „Nämlich, dass es auch andere Dinge im Leben gibt, als nur MS“, sagt Mike. „Wir bauen uns damit gegenseitig auf.“ Apotheker Ulrich Grosch bestätigt: „Gruppendynamik ist nicht zu unterschätzen.“ Mit anderen zu sprechen, die die gleiche Krankheit bewältigen, verhindere Frust.

„TRÄUME ERFÜLLEN – NUR ETWAS LANGSAMER“

Frust will Mike keinesfalls aufkommen lassen. Mike, eigentlich ein Macher, jemand der anzupacken weiß, braucht heute für alles lediglich seine regelmäßigen Ruhepausen. Wenn sein Körper dem gelernten Zimmermann die Grenzen aufzeigt, hilft es ihm, sich Zeit zu nehmen. Dass er seinen geliebten Beruf nicht mehr ausüben kann, erträgt er deshalb, weil er weiterhin zu Hobel, Säge und Zimmermann-Hammer greift – heute aber viel langsamer als früher und ausschließlich für sich.

Die Renovierung seines eigenen Hauses steht für ihn trotz MS-Diagnose an erster Stelle. Nur den Zeitplan dafür hat er geändert. Auf zehn Jahre schätzt Experte Mike nunmehr die Bauzeit bis zur Fertigstellung ein. „Früher hätte ich es in weniger als der Hälfte der Zeit geschafft“, behauptet Mike. Aufgeben aber, was niemand ihm verübeln würde, kommt für Mike nicht in Frage. „Das Zimmerer-Handwerk ist mein Lebenselixier“, betont der 48-Jährige. „Weil ich am Ende eines Tages genau sehen kann, was ich geschafft habe. Das baut mich immer wieder aufs Neue auf.“

THEMA: MULTIPLE SKLEROSE

Multiple Sklerose, auch MS genannt, ist eine chronisch entzündliche Autoimmunerkrankung des Zentralen Nervensystems. Durch eine Fehlfunktion des Immunsystems greifen körpereigene Abwehrzellen die Schutzschicht (das Myelin) der Nervenzellen an. Es entstehen an verschiedenen Stellen, sowohl im Gehirn als auch im Rückenmark, Entzündungsherde. Die Folge: Nervenimpulse können über die Nervenbahnen nicht mehr oder nur verlangsamt weitergeleitet werden.

Bei den Betroffenen kann sich dies in sogenannten MS-Symptomen wie Sehstörungen, Koordination- und Bewegungsstörungen, Spastik und Lähmungen u.v.m äußern.
Die MS verläuft individuell und zeigt sich bei jedem Erkrankten durch unterschiedliche Symptome – daher wird Multiple Sklerose auch die Erkrankung mit den tausend Gesichtern genannt.

Die Ursachen sind bislang nicht genau geklärt – es gibt verschiedene Ansätze bei denen Faktoren wie Umwelteinflüsse, Viren und Bakterien (z. B. das Epstein-Barr-Virus) oder aber Vitamin D als mögliche Faktoren bei der Entstehung von MS eine Rolle spielen.

MS lässt sich bislang nicht heilen. Es gibt allerdings Medikamente, die einen Einfluss auf das Entzündungsgeschehen nehmen können. Auch eine Reihe von Therapien, die zur Behandlung der verschiedenen MS-Symptome eingesetzt werden, sollen MS-Erkrankten ein weitgehend normales Leben ermöglichen.