„DAS LEBEN IST DIE BESTE DROGE.“

Pia, 26  ·  WAR JAHRELANG HEROINABHÄNGIG

DIE KURVE GEKRIEGT

„Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.“ Wenn Pia diesen Satz ausspricht, steckt weit mehr dahinter als man zunächst ahnt. Die junge Frau aus Augsburg erzählt von ihrer Drogensucht. Sie hat Heroin gespritzt und kam nicht mehr los von der Droge. Durch eine ärztliche Substitutionsbehandlung und die Unterstützung der örtlichen Apotheke hat sie aber wieder herausgefunden aus der Abhängigkeit. „Ich bin stolz auf mich“, sagt die 26-Jährige heute: „Nicht auf das, was ich erlebt habe – sondern darauf, dass ich es überlebt habe.“

EIN KLASSISCHER EINSTIEG

Mit dem Joint im Kreis von Freunden fing es an. „Macht doch jeder mal“, dachte sich Pia als Jugendliche. Mit Ecstasy („Einmal ist keinmal“) ging es weiter. Um gut drauf, um berauscht zu sein, um Party zu machen. Doch dabei bleibt es nicht. Pia ist 19, als ihr Vater plötzlich stirbt, ihr Ankerpunkt weg ist. Pia reißt es „den Boden unter den Füßen weg“, wie sie selbst es beschreibt. Die Trauer, die nach unten zieht, die Hilflosigkeit, die ständig negativen Gedanken: Sie will sie loswerden. Doch der scheinbare Ausweg führt in die Sucht. „Ich wollte den Bezug zur Realität nicht mehr haben“, erinnert sie sich heute.

EINFACH VERGESSEN

Den Weg in die Abhängigkeit ebnen falsche Freunde. Solche, die wissen, wo es in Augsburg die Drogen gibt, solche, die wissen, wie man den Stoff beschafft und die ihn selbst verkaufen. Pia spritzt sich Heroin und verliert den Halt. Die Droge bestimmt ihr Leben. Ihre medizinische Ausbildung schmeißt sie drei Monate vor der Abschlussprüfung. Ihre Familie und die besten ihrer Freunde wenden sich ab. Ihr einziges Ziel ist es, jeden Tag an Heroin zu kommen. „Das einzige, wovon ich die Finger gelassen habe, ist Beschaffungskriminalität“, versichert sie.

LEBEN AM SEIDENEN FADEN

Immer tiefer rutscht Pia in die Drogenszene ab. Zwei Jahre lang war sie mittendrin. Jeder Tag war wie „Russisch Roulette“, beschreibt sie diese Zeit heute in der Rückschau. „Es stand häufiger auf der Kippe“, sagt sie. Das permanente Risiko, mit einer Überdosis ihr Leben zu verlieren. Pia sieht Gleichaltrige daran sterben. Dennoch meint sie, ohne Drogen nicht zu können.

Pia muss in dieser Zeit die Dosis immer weiter steigern, um ihre dauerhafte Anspannung, die permanenten Ängste jeden Tag aufs Neue dämpfen zu können. Die körperliche und psychische Abhängigkeit fordert ihren Tribut, die Entzugserscheinungen kommen in immer kürzeren Abständen. Anfangs friert und zittert sie, die Nase läuft, wenn ihr Körper nach Nachschub schreit. Später kommen Schwitzen, Schmerzen, Durchfall, Atemnot und Krampfanfälle dazu.

WENDEPUNKT

Erst als sie über einen Jahreswechsel nach Frankfurt am Main reist, dort per Zufall einen Blick in eine Fixerstube wirft, mitansieht, wie ein paar Dutzend Drogenabhängige „vor sich hin vegetieren“, regt sich der innere Widerstand gegen die Sucht. „Wahrscheinlich war das der Schlüsselmoment“, blickt Pia heute zurück.

Den letzten Ruck gibt ihr allerdings die Polizei. Vier Beamte in Zivil, sechs Uniformierte und ein Drogenspürhund stehen eines Morgens in der Wohnungstür: Hausdurchsuchung. Dass ihr der Führerschein abgenommen wird, ist nur eine der Konsequenzen.

DAS LEBEN ZURÜCKHOLEN

Zunächst versucht sie, ohne fremde Hilfe vom Heroin wegzukommen. Doch die Entzugsschmerzen, die wie sehr starke Muskelkrämpfe daherkommen, sind zu heftig. Pia bittet deshalb einen Arzt um Unterstützung. Er vermittelt ihr psychologische Hilfe und hilft ihr mit einer Drogenersatztherapie.

Substitution nennt sich der Ersatz der gefährlichen Droge Heroin durch Methadon, ein Medikament, das den Suchtdruck nimmt. Die „saubere Droge“ aus der Apotheke sorgt für eine kontrollierte Einnahme, verhindert extreme Symptome der Sucht und erlaubt es, die Dosis langsam zurückzufahren. Für das Substitutionsprogramm gibt es hohe Auflagen. Zunächst muss sich Pia täglich pünktlich bei ihrem Arzt blicken lassen: Es folgen Urinproben, die Suche nach Einstichstellen und Gespräche. Die Apotheke stellt die Methadonlösung für sie nach den Vorgaben des Arztes her. Am Anfang muss sie diese jeden Tag unter Aufsicht einnehmen.

DURCHHALTEN

„Es ist sehr schwierig, die Motivation zu halten, weil sich der Zustand nur langsam verändert“, berichtet Pia. Annähernd zwei Jahre dauert es, bis ihr Arzt es ihr erlaubt, nicht mehr täglich, sondern lediglich zweimal pro Woche in die Praxis zu kommen. Nun darf sie ihren Ersatzstoff selbst in der Apotheke abholen und zu Hause einnehmen. Die Apotheke wird zum wichtigen Ansprechpartner und Betreuungspunkt in der Therapiegemeinschaft. Weitere Monate später braucht sie nur noch einmal die Woche beim Arzt vorbeizuschauen.

UNTERSTÜTZUNG DURCH DIE APOTHEKE

„Die Apotheke war mir eine Riesenhilfe auf dem schwierigen Weg – nicht nur mit den Medikamenten“, erinnert sich die junge Frau an den fünf Jahre langen Weg heraus aus der Abhängigkeit: „Mein Apotheker hat viel mit mir über den Entzug geredet und immer wieder betont, dass ich in meiner Situation keinen persönlichen Makel sehen darf. Das hat mir immer wieder neue Kraft gegeben.“ Auch mit ganz praktischer Hilfe steht ihr die Apotheke vor Ort bei. Selbst wenn Pia mal aus dem Umland zur Apotheke fährt und der Bus Verspätung hat, wartet ihr Apotheker nach Ladenschluss auf die junge Patientin. Nicht auszudenken, wenn sie vor verschlossenen Türen steht und ohne Substitutionsmedikament nach Hause zurück muss.

AM ENDE EINES LANGEN WEGES

Im Jahr 2011 startet die Substitutionsbehandlung. „Davon loszukommen, dauert mindestens doppelt so lange, wie die Zeit der Abhängigkeit“, erklärt Pia. Es sind fünf Jahre, die die junge Frau braucht, um wieder Fuß zu fassen im Leben. 2016 hat sie es geschafft, auch die Ersatzdroge braucht sie nun nicht mehr.

FREUNDE GEBEN IHR KRAFT

Pia und Sophie, die Freundinnen aus Kindertagen, haben schon viel gemeinsam erlebt: Der Hagelschauer aus heiterem Himmel, von dem die beiden überrascht werden, als sie mit zehn Jahren im Wald spielen, ist eine der unangenehmeren Erinnerungen. Aber das ist nichts gegen das Erschrecken, als Sophie, die von Beruf Krankenschwester ist, Pia als erwachsene Drogensüchtige wiedertrifft.

Erst während des Entzuges kommen sich die beiden Freundinnen wieder näher. Sophie gibt Pia Halt und Orientierung, zeigt ihr Kraft spendende Meditationsübungen. Die Hündin Bella, heute sechs Jahre alt, kommt neu in Pias Leben während der Behandlung mit Methadon. Auch sie hilft ihr, wieder auf die Beine zu kommen. Mit Michael lernt sie zudem einen Mann kennen, der immer dann ihre Hand hält, wenn der Entzug besonders viel Kraft kostet. „Michi“ weicht dann nicht von ihrer Seite. Die Gemeinsamkeit gibt ihr neue Kraft. Und er führt sie an den Angelsport heran. Pia macht sogar den Angelschein. Wann immer sie kann, verbringt sie ihre Zeit am Weiher von Freunden. Zudem findet sie einen verständnisvollen Arbeitgeber, bei dem sie ihre abgebrochene Ausbildung wieder aufnehmen und schließlich abschließen darf.

EIN TEIL VOM LEBEN

Abhängigkeit bewertet Pia ganz realistisch als Dauerthema, auch wenn sie inzwischen längst von der Droge runter ist. Ihr Suchtverlangen weiß sie heute mit Realitätsbewusstsein und mit unbändiger Lust aufs Leben zu bekämpfen. Dennoch ist ihr bewusst, dass sie ihr Leben lang weiterkämpfen muss. Denn sie ist durch ihre Abhängigkeit chronisch krank.

Ihre Empfehlung für alle, die den Weg heraus aus der Sucht suchen: „Wer sein Ziel kennt, findet einen Weg, nur manchmal eben erst wenn man lernt, Hilfe anzunehmen.“

MAX KECKEISEN, APOTHEKER IN AUGSBURG, ERKLÄREN SIE DOCH MAL BITTE …

… wie eine Substitutionsbehandlung in der Regel abläuft:

„Im Rahmen einer solchen Behandlung wird der Patient auf ein Drogenersatzmittel eingestellt. Dies erfolgt manchmal stationär. Oder aber der Patient nimmt täglich das Drogenersatzmittel in der Arztpraxis ein. Ist der Patient stabil und hat einen Arbeitsplatz, erhält er ein sogenanntes Take-Home-Rezept vom Arzt. Dies muss er in der Apotheke einlösen. Derzeit sind diese Rezepte auf sieben Tage begrenzt. Der arbeitende Patient muss also mindestens einmal pro Woche sowohl zum Arzt als auch in die Apotheke: Jede Woche, auch beispielsweise in der Weihnachtswoche. Immer. Das stellt eine große Herausforderung dar.“


… welche Rolle die Apotheke vor Ort spielt, wenn Menschen versuchen, von ihrer Drogenabhängigkeit wegzukommen:

„Selbst der Arzt bekommt die Drogenersatzstoffe, die ausnahmslos dem Betäubungsmittelgesetz unterliegen, nur über die Apotheke vor Ort, aus Sicherheitsgründen. Die Patienten lösen ihre Take-Home-Rezepte in der Apotheke ein. Manche Drogenersatzstoffe sind Tabletten, die in der Regel in der Apotheke tagesgenau für jeden Patienten individuell hergerichtet werden. Die meisten Drogenersatzstoffe sind Lösungen, die erst in der Apotheke hergestellt werden und dann für jeden Patienten einzeln tagesgenau abgefüllt werden. Die Herstellung und das Abfüllen sind sehr anspruchsvolle pharmazeutische Tätigkeiten, die zudem dem Vier-Augen-Prinzip unterliegen. Zunächst werden die Ausgangsstoffe in der Apotheke geprüft, dann die Lösungen hergestellt. Jeder Arbeitsschritt wird genau protokolliert und es sind In-Prozess-Qualitätsüberprüfungen notwendig. Und nicht zu vergessen: Take-Home-Patienten kommen mindestens 52 Mal pro Jahr zu uns. Neben Ärzten sind also Apotheker erste Ansprechpartner für Probleme und Sorgen. Viele Drogenpatienten brauchen außerdem zusätzliche Medikamente für ihre Begleiterkrankungen.“