Christina Rählmann, Bürgermeisterin von Mettingen, NRW, zur Situation der Apotheken vor Ort

Bessere Bedingungen
für junge Apotheker

Alarmierend: In Deutschland gibt es vor Ort immer weniger öffentliche Apotheken. Mit weniger als 20.000 Präsenzapotheken in den annähernd 12.350 Städten und Gemeinden ist der tiefste Stand seit 30 Jahren erreicht. Patientinnen und Patienten, von jungen Eltern über Senioren bis hin zu chronisch Kranken, drohen weitere Wege, um fachkundige Beratung zu Arzneimitteln von Mensch zu Mensch zu bekommen. Der Grund dafür: Die Zahl junger Pharmazeuten, die heute noch eine Perspektive für eine Existenz als Selbstständige sehen, nimmt ab. Demgegenüber nähern sich mehr und mehr Apotheker dem Rentenalter – und finden oft keine Nachfolger, weil die meisten Jung-Apotheker ein Angestelltenverhältnis oder eine gutdotierte Anstellung in der Industrie vorziehen. Vor allem aber halten die aktuell schlechten Rahmenbedingungen viele junge Pharmazeuten vom Schritt in die Selbstständigkeit ab.

 

160000

Dass solch eine Entwicklung die Verantwortlichen in Landkreisen, Städten und Gemeinden auf den Plan ruft, kommt nicht von ungefähr. Apotheken vor Ort sind wichtiger Standortfaktor, tragen zur Belebung von Stadtvierteln bei und geben Dörfern Zukunftsperspektiven. Die öffentlichen Apotheken stellen vor Ort auch einen Wirtschaftsfaktor dar. Sie bieten über 160.000 regionale Arbeitsplätze – darunter viele familienfreundliche Teilzeitstellen. Nacht- und Notdienste sowie individuell hergestellte Rezepturen gäbe es ohne öffentliche Apotheke am Ort nicht mehr. Leidtragende wären vor allem Senioren mit eingeschränkter Mobilität, chronisch Kranke, die auf intensive pharmazeutische Betreuung angewiesen sind, und junge Familien, die auch nachts schnell Hilfe für die Kinder brauchen.

Was ist es, was die Perspektiven für junge Apotheker schlechter macht? Die Honorarentwicklung bleibt hinter der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung zurück. Gesetzliche Vorgaben sowie der extrem gestiegene bürokratische Aufwand haben zudem den Kostendruck auf die lokalen Apotheken erhöht.
Fatal wirkt sich aber vor allem ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs aus: Er hat im Oktober 2016 beschlossen, dass sich ausländische Versandapotheken im Gegensatz zu deutschen Apotheken nicht mehr an die einheitlichen Preise für rezeptpflichtige Medikamente halten müssen. Damit wurden unfaire Wettbewerbsbedingungen geschaffen – zu Lasten der Apotheken vor Ort und langfristig auch der Patienten.

Der Apothekerberuf und der Betrieb einer Apotheke müssen für junge Leute wieder attraktiver werden. Junge Pharmazeuten müssen wieder Vertrauen in die Zukunft gewinnen.
Dazu bedarf es verlässlicher Rahmenbedingungen, innerhalb derer aktuelle und zukünftige Herausforderungen für Apotheker und Patienten optimal gelöst werden könnten. Um faire Wettbewerbsbedingungen zu schaffen, muss der Versandhandel wieder auf verschreibungsfreie Medikamente begrenzt werden. Und es braucht gesundheitspolitische Modelle, wie sinnvolle zusätzliche Versorgungsleistungen der Apotheken finanziert werden können.